Artikel „Fit und flott mit Fingern und Doppelzunge“

Was wir Flötisten in allen Lebenslagen brauchen, ist eine regelmäßige Doppelzunge, koordiniert mit einer guten Fingertechnik. Diese beiden Themen können von jedem jederzeit in Angriff genommen und dabei wesentliche Fortschritte auch im Selbststudium erzielt werden.

Beide technischen Gebiete bedürfen zuerst einer Bestandsaufnahme im Selbsttest:

Die Zunge

Mit der Zunge und ihren Be­wegungsformen haben wir das Problem, dass wir sie nicht sehen können und daher umso besser fühlen lernen sollten.

Frage 1: Wo berührt meine Zunge den Gaumen oder/und die oberen Schneidezähne, wenn ich „d“ artikuliere?

Info 1: „d“ ist wichtig, es darf niemals „th“ sein! Als neutrale Ausgangsposition empfehle ich eine Position, bei der die leicht gespannte Zungenspitze sowohl Zahn wie beginnendes Zahnfleisch (Gaumenansatz) kontaktiert, um von dort abzuspringen und hinter die unteren Schneidezähne zu fallen oder zu springen. Dort soll die Zunge in Kontakt mit der Hinterwand der unteren Schneidezähne jenen Kanal formen, der die „Rutsche“ für die Luft in die Flöte bildet.

Frage 2: Welche Art von g, gk, kg, kh verwende ich eigentlich beim hinteren Artikulationspunkt?

Info 2: Ein prägnantes „g“ so weit vorne gesprochen wie möglich soll die Ausgangsposition all unserer Bemühungen sein. Die Bewegung ist sehr klein und darf am Hals nicht deutlich sichtbar werden. Achtung: Wie im Französischen von Natur aus angelegt, soll „d“ und „g“ unbehaucht artikuliert werden und direkt an den Vokal (= Ton) angebunden sein. Die Zunge öffnet nur den Weg für die Luft, sie lässt los – sie stößt nicht. Leider ist das Wort Zungenstoß irreführend.

Übung 1

Sprich „dö_dö_dö_dö_“, der Unterstrich bedeutet, dass du das „ö“ wie in langsamen Viertelpuls spielen sollst. Jetzt „gö_gö_gö_gö_“. Kontrolliere, dass die Bewegungen sehr klein sind und jeweils nur vorne oder nur hinten. Die Mitte der Zunge soll ruhig bleiben. Du kannst dir auch vorstellen, heißen Tee zu trinken, dann geht die Zunge in eine gute Position für das Flötenspiel.

Jetzt erhöhe das Tempo:
„dödödödögögögögödödödödögögögögö“ etc.

Achte auf Gleichmäßigkeit. Diese Übung kannst Du ohne Flöte im Tempo steigern, auch mit Metronom.

Übung 2

Du bildest einen Lippenspalt und bläst schnelle kalte Luft auf deinen Handteller. Dann beginnst du Artikulationen einzuflechten, mal „d“, mal „g“. Die Luftgeschwindigkeit muss nach jeder Artikulation sofort wieder auf Tempo sein, die Unterbrechung durch die Zunge ist fast nicht fühlbar.

Übung 3

Du wählst deinen Lieblingston auf der Flöte. Halte ihn aus und gib dich nicht zufrieden, bis dir der Klang gefällt. Dann gehst du dazu über, in den gehaltenen Ton hin und wieder ein „d“ oder „g“ einzuschieben (ohne Rhythmus). Deine Aufmerksamkeit muss nun darauf gerichtet sein, dass die Tonqualität nicht nach­lässt! Sollte es zu Geräuschen oder klanglichen Veränderungen kommen, kontrolliere wieder die Lage der Zunge im Mund, die Artikulations-Punkte und den Weg der Bewegungen.

Weiterer Übungsablauf: Zuerst auf deinem Lieblingston, dann auf allen Tönen.

Übung 4

In einem langsamen Tempo, zum Beispiel in einer Achtelbewegung, Viertel = 52, spielst du:
„dödödödögögögögödödödödögögögögö“ etc.

Von jetzt an verfolgst du zwei Wege:

  • Du steigerst das Tempo kon­tinuierlich mit Übung 4 und machst dazwischen immer wieder Übung 3 zur Klangoptimierung. Übe mit dem Metronom und steigere nur langsam. Wenn Ermüdungen der Zunge auftreten, mach eine Pause und reduziere das Tempo wieder.
  • Du änderst die Kombination der Silben: „dödögögödödögögödödögögö“ etc. Oder „gödögödögödögödö“ etc. Oder „dögödögödögödögö“ etc. Dann steigerst du auch mit Übung B) das Tempo. Von allen diesen Übungen ist die letzte – die eigentliche Doppelzunge – die unwichtigste, denn sie ergibt sich ganz von alleine aus den Vorübungen!

Jetzt kommen die Finger an die Reihe!

Logischerweise müssen beide Partner – Zunge und Finger – regelmäßig arbeiten, damit sie nicht „durcheinander kommen“! Finger übst du immer am besten im Legato, nur dann kannst du kleine Ungenauigkeiten hören!

Erfreulicherweise können wir die Finger im Gegensatz zur Zunge sehen und beobachten, allerdings nur im Spiegel. Verwende einen Wandspiegel und beobachte deine Finger, sie sollen nahe über den Klappen bleiben. Mithilfe der Arme und Handgelenke „lieferst“ du die Finger so zur Flöte, dass sie dort befreit agieren können. Die Position und Formung der Hände und Finger ist der Schlüssel zum Erfolg.

Korrekte Haltung der linken Hand
Korrekte Haltung der rechten Hand

Übungsablauf

Du gehst von zwei Tönen aus und übst sie zuerst in einer Achtel, dann in einer Triolen und Sechzehntelbewegung mit Metronom, bis die Bewegung ganz gleichmäßig funktioniert, zum Beispiel auch mit „fit for the flute“ Fingertechnik (UE Nr. 31291).

Dann erweiterst du auf drei, dann vier und fünf Töne, um das Üben zum Beispiel mit Taffanel Gauberts „Tägliche Übungen“ fortzusetzen.

Von nun an verfolgst du wieder zwei Wege:

  • Die Erweiterung des Tonraumes mit besonders intensivem Üben in der 3. Oktave und anderen schwierigeren Griffwechseln wie c2 – d2, cis2 – d2 und e – fis.
  • Die Steigerung des Tempos mit kleinen Schritten und Metro­nom. Natürlich zuerst die leichteren Verbindungen im Tempo steigern und die schwierigen geduldig aufbauen.

Kontrolliere, dass die Bewegungen im schnellen Tempo so klein wie möglich bleiben. Je kleiner, desto schneller!

Die Kombination von Fingern und Zunge

So weit, so gut. Jetzt brauchen wir noch einige Übungen für die Kombination der beiden Techniken. Du nimmst eines deiner Technik-Hefte, zum Beispiel M.A. Reicherts „Tägliche Übungen“ (Nr. 1), und übst im Legato, bis dich der Klang zufriedenstellt. Dann spielst du jeden Ton der Übung achtmal mit Doppelzunge, dann sechsmal, viermal und zweimal.

Danach empfehle ich, das Tem­po ein wenig zu reduzieren und jeden Ton einmal, sprich: die ganze Übung mit Doppelzunge „normal“ durchzuspielen. Vergleiche aber wieder die Tonqualität mit deiner Legato-Version. Vermutlich wird es noch Töne geben, die sich verbessern lassen. Dazu greife auf alle vorigen Übungen zurück!

Auch in den von dir zu spielen­ den Stücken kannst du jeden Lauf auf diese Art herausüben! Freue dich über das Erreichte und bleib dran! Wenn du jeden Tag 10 Minuten investierst, wirst du sofort große Fortschritte fest­ stellen und die machen Freude. Viel Erfolg!

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift „Bayerische Blasmusik“, Ausgabe 9/2013